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Am 11. Mai 2000 überschritt Indiens Bevölkerungszahl
offiziell die Milliardengrenze. Während es von 1920, damals
hatte Indien 250 Millionen Einwohner, 47 Jahre bis zu einer
Verdoppelung der Bevölkerung gedauert hat, waren es von 1967
bis 2000 nur noch 33 Jahre. Das Wachstum der Bevölkerung hat
sich in den letzten Jahrzehnten nur wenig abgeschwächt und
liegt im Moment bei 1,5 Prozent pro Jahr. Die
durchschnittliche Lebenserwartung ist relativ gering und
beträgt für Männer 63 Jahre (1971 waren es 44 Jahre) und für
Frauen 64 Jahre (1971 waren es 46 Jahre). In Deutschland
sind es zum Vergleich bei Männern 75 Jahre und bei Frauen 81
Jahre. Indien ist damit eines der wenigen Länder der Erde,
wo die Lebenserwartung bei Männern und Frauen fast identisch
ist.
Mit einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von 15 Millionen
Menschen hat Indien im Moment den größten absoluten Zuwachs
aller Staaten der Erde. Andererseits liegt der zugehörige
relative Zuwachs nur wenig über dem Weltdurchschnitt. Aus
den Vergleichen mit den anderen bevölkerungsmäßig großen
Staaten der Erde (VR China, USA, Indonesien), die alle
bedeutend geringere relative Zunahmen haben, wird deutlich,
dass der hohe Bevölkerungszuwachs aus dem der kleineren
Staaten resultiert. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen
wird Indien in den nächsten Jahrzehnten sein
Bevölkerungswachstum kaum abschwächen und die VR China bis
zum Jahre 2045 als bevölkerungsreichstes Land der Erde
abgelöst haben.
Mehr als ein Fünftel des globalen Bevölkerungswachstums
findet zurzeit in Indien statt und die sozialen und
wirtschaftlichen Probleme, die sich daraus ergeben, sind
gravierend. Schon heute haben 44 Prozent der Einwohner
Indiens laut Angaben der Weltbank weniger als einen Dollar
pro Tag zur Verfügung und Wasserknappheit gehört schon jetzt
zu den größten Problemen des Landes. Eine extreme
Binnenmigration, politische Instabilität und eine Stärkung
der extremistischen Kräfte können die Folge sein. Nur 16
Prozent der Einwohner Indiens haben Zugang zu sanitären
Anlagen und verschmutztes und verseuchtes Wasser ist eine
der Hauptursachen für viele Infektionskrankheiten.
Die Versorgungslage hat sich zwar seit Anfang der 1980er
Jahre in den ländlichen Gebieten verbessert, doch nur wenige
Haushalte verfügen über eine Abwasserentsorgung.
Unzureichende Beratung in Fragen der reproduktiven
Gesundheit hat zur Folge, dass die Zahl der HIV-Infizierten
rapide steigt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen
könnten bis 2010 allein in Indien über zehn Millionen
Menschen an der Immunschwächekrankheit leiden. Das
Bevölkerungswachstum kann nur dann verlangsamt werden, wenn
bedürfnisorientierte Familienplanungsangebote sowie Service-
und Beratungsleistungen, die sich an den konkreten
Bedürfnissen der Menschen orientieren, angeboten werden.
Nachfolgend sind Einwohnerzahlen Indiens zwischen 1700 und
2050 aufgeführt. Die Zahlen für 2025 und 2050 sind eine
Prognose.
Sprachen
In Indien werden mehr als 1.600 Sprachen gesprochen. Neben
den überregionalen Amtssprachen Hindi und Englisch gibt es
folgende 20 regionale Amtssprachen: Assamesisch, Bengali,
Bodo, Dogri, Gujarati, Kannada, Kashmiri, Konkani, Maithili,
Malayalam, Manipuri, Marathi, Nepali, Oriya, Punjabi,
Santali, Sindhi, Tamil, Telugu und Urdu.
In letzter Zeit gab es Versuche, den Gebrauch des Sanskrit,
welches ebenfalls eine Amtssprache ist, wiederzubeleben. Das
Central Board of Secondary Education (CBSE) hat in den
Schulen, die es reguliert, Sanskrit zur dritten der
unterrichteten Sprachen gemacht. In diesen Schulen ist der
Sanskritunterricht für die fünften bis achten Schulklassen
obligatorisch.
Von den 23 Verfassungssprachen gehören sechzehn der
indoarischen, vier der dravidischen (Telugu, Tamil, Kannada
und Malayalam), eine der austroasiatischen (Santali) und
eine der tibetobirmanisch bzw. sinotibetischen Sprachfamilie
(Manipuri) an. Erschwerend wirkt sich der Umstand aus, dass
die meisten der Sprachen unterschiedliche Schriftsysteme
aufweisen. Während Telugu, Tamil, Kannada, Malayalam,
Gujarati, Oriya, Punjabi durch eine jeweils eigene Schrift
charakterisiert sind, verwendet man für Hindi, Marathi,
Nepali, Konkani und Sanskrit eine Schrift, für Bengali,
Assami und Manipuri eine weitere sowie für Urdu, Kaschmiri
und Sindhi eine dritte, wobei sich jedes der drei von
verschiedenen Sprachen verwendeten Schriftsysteme durch
ergänzende, sprachlich bedingte Sonderzeichen weiter
unterscheidet. Indien ist damit das Land mit den weltweit
meisten Amtssprachen.
Über die Beibehaltung des Status des Englischen als
Amtssprache wird alle 15 Jahre neu entschieden. Englisch
gilt weiterhin als Prestige-Sprache und wird nur von einer
privilegierten Minorität der Bevölkerung fließend
gesprochen. Wenn sich Menschen unterschiedlicher
Sprachgemeinschaften begegnen, sprechen sie – im Norden –
entweder Hindi oder Englisch miteinander, im Süden eine der
drawidischen Sprachen oder Englisch.
Religionen
Die Religionen verteilen sich wie folgt: 81 % Hindus, 13 %
Moslems, 1 % Buddhisten, 2 % Sikhs, 0,5 % Jainas und 2,5 %
andere: Christen unterschiedlicher Konfessionen
(Thomaschristen), Baha'i und Parsen).
Ungefähr 25 Prozent der indischen Bevölkerung werden zu den
sog. Kastenlosen gerechnet, sieben bis acht Prozent zählen
zu den indigenen Völkern Asiens (Adivasi). Soweit sie sich
resistent erwiesen gegenüber den Missionsversuchen der
großen Religionen, haben sie noch ihre eigene, jedoch nicht
explizit ausformulierte oder schriftlich kodifizierte
Religion bewahrt. Die indigenen Völker Indiens haben einiges
mit dem Hinduismus gemeinsam, so u.a. der Glaube an die
Reinkarnation, eine polytheistische Glaubensform und eine
Art von Kastenwesen. Die am häufigsten vorkommende Religion
in Indien ist der Hinduismus.
Menschenrechte
Die indische Verfassung garantiert all ihren Bürgern
grundlegende Bürger- und Menschenrechte. Trotzdem werden in
Indien zahlreiche dieser Bürgerrechte verletzt, und Polizei
und Sicherheitskräfte genießen häufig Ungestraftheit. Opfer
von Menschenrechtsverletzungen in Indien sind aufgrund der
sozialen Strukturen häufig indigene Stämme (Adivasi),
Kastenlose oder Angehörige der niederen Kasten, Invaliden,
Frauen und religiöse Minderheiten.
Bei der Teilung Indiens in 1947 und beim Bangladesch-Krieg
in 1971 kam es zu den zahlenmässig grössten
Menschenrechtsverletzungen in Indien und auf dem indischen
Subkontinent im 20. Jahrhundert.
Religiöse Unruhen kommen in Indien relativ häfig vor,
besonders zwischen Muslimen und Hindus. Im Aufruhr vom
Bundesstaat Gujurat im Jahre 2002 wurden nach dem Auffinden
von 59 verbrannten Hindu-Pilgern in einem Zug durch
eskalierende Gewalt insgesamt ca. 2000 Moslems getötet. Die
Landesregierung von Gujurat versagte dabei, die Täter zur
Verantwortung zu ziehen.
In Anit-Sikh-Krawallen im Jahre 1984, ausgelöst durch die
Ermordung Indira Gandhis durch eigene Sikh-Leibwächter,
wurden mehr als 3000 Sikhs getötet.
In Kashmir wurden seit 1989 über 29'000 Zivilpersonen von
Terroristen getötet, was zu der Auswanderung von über
300'000 Hindus (Kashmiri Pandits) führte.
In Bhopal wurde 20 Jahre nach dem Auslaufen von giftigem Gas
aus der Pestizidfabrik vom amerikanischen Union Carbide
Corporation (UCC) der Ort immer noch nicht bereinigt, sodass
giftige Gase weiterhin die Umwelt und das Grundwasser
verseuchen. Beim Auslaufen der giftigen Gase 1984 sind
binnen Tagen 7000 Menschen gestorben, 15000 weitere starben
im Laufe der Jahre an den Folgen, während tausende unter
chronischen und lähmenden Krankheiten leideten. Kompensation
oder angemessene Hilfe wurden für die Opfer verweigert, es
wurde keiner je zur Verantwortung gezogen. UCC und die
indische Regierung einigten sich nur auf eine unzureichende
und nie völlig ausgezahlte Schadenszahlung der UCC.
Es gibt heute in Indien eine große Zahl an lokalen
Organisationen, die die Menschenrechtslage streng
kontrollieren. Diese Organisationen werden jedoch in der
Gesellschaft oft ausgeschlossen bis hin zu gewalttätigen
Übergriffen.
Obwohl die indische Verfassung auch die Beseitigung des
Kastensystems vorsieht und seit der Unabhängigkeit
beträchtliche Bemühungen unternommen wurden, die unteren
Schichten zum sozialen Aufstieg zu verhelfen, führt es in
Indien nach wie vor manchmal dazu, dass es schwierig ist,
einen schon bei der Geburt vorgezeichneten Lebensweg zu
verlassen. Um dem entgegenzuwirken, wird in Indien die
"positive Diskriminierung" betrieben. Danach sind in
Universitäten und berufsbildenden Institutionen bis zu 50%
der Plätze für die "schedule class", für Angehörige der
unteren Kasten, reserviert. Dabei wird oft der
Qualitätsverfall und die Benachteiligung der
nicht-"schedule-class" kritisiert.
Politik
Indien ist eine parlamentarische Demokratie und damit die
größte Demokratie der Erde. Das indische Parlament besteht
aus zwei Kammern: dem Unterhaus (Lok Sabha) und dem Oberhaus
(Rajya Sabha). Einen Überblick über die vielfältige
Parteienlandschaft des Landes liefert die Liste politischer
Parteien.
Während des Unabhängigkeitskampfes bildete sich der
Nationalkongress, der die Kolonialherrschaft der Engländer
beenden sollte. Nach der Unabhängigkeit 1947 wurde die
Kongresspartei (Symbol: Handfläche) stärkste Partei und
bildete mit Jawaharlal Nehru die erste Regierung. Bis Mitte
der 1990er Jahre dominiert die Kongresspartei meist unter
Führung der Nehru-Gandhi-Familie, mit nur zwei kurzen
Unterbrechungen, die Politik des Landes.
Erst dann gelang es der Indischen Volkspartei (BJP, Symbol:
Lotusblüte) mit nationalistischen Parolen und dem Marsch auf
Ayodhya, infolge dessen es im ganzen Land zu Ausschreitungen
und Übergriffen (vor allem gegen Muslime) mit vielen Toten
kam, die langandauernde Dominanz der Kongresspartei zu
brechen. Die polarisierende und pro-hinduistisch
ausgerichtete Politik der BJP steht ganz im Zeichen der
nationalistischen Hindutva-Bewegung, die - auch unter
Beteiligung von paramilitärischen Gruppen, wie dem
Nationalen Freiwilligencorps (Rashtriya Swayamsevak Sangh,
kurz RSS) - die Hinduisierung Indiens und in ihren extremen
Auswüchsen die Vertreibung der muslimischen und christlichen
Bevölkerung zum Ziel hat.
Nach einem Anschlag auf einen Zug mit Pilgern im Jahre 2002
begannen Massaker in Gujarat, die von der dort regierenden
BJP nur halbherzig bekämpft wurden. Diese Unruhen haben dann
doch wohl viele moderate Hindus zu einem gewissen Umdenken
gebracht, zumal die von der Indischen Volkspartei
hochgehaltene Vision eines Shining India ("Strahlendes
Indien") weite Teile der Bevölkerung, die nicht vom Boom der
letzten Jahre profitierten, ob der hochgesteckten Ziele eher
skeptisch werden ließ.
Bei der Parlamentswahl 2004 erzielte die oppositionelle
Kongresspartei unter Sonia Gandhi einen unerwarteten Sieg.
Überraschend für ihre Parteienkoalition lehnte sie es ab,
den Posten des Premierministers zu übernehmen, Manmohan
Singh wurde am 22. Mai 2004 als Premierminister vereidigt. |